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Für viele Frauen ist das Gründen eines eigenen Unternehmens spannender als eine gewöhnliche Karriere in der Wirtschaft. In dieser Blog-Serie portraitieren wir Gründerinnen aus Deutschland und sprechen mit Ihnen über Unternehmergeist und ihre Visionen, Ziele und Erfahrungen in der Start-up Welt.

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Susanne Harnisch hat 2013 pikofilm gegründet, eine Filmproduktionsfirma, die sich auf das Erzählen von Geschichten im Netz spezialisiert hat. Das Kernelement ist dabei der dokumentarische Netzfilm – multimediale Erzählungen, die Inhalte lebendig werden lassen. 2014 hat Susanne unter anderem die Webserie “roleUP! – lvlUP your role models” gestartet, welche weibliche Vorbilder in außergewöhnlichen Berufen portraitiert und deren Pilotfolgen mittels einer erfolgreich Crowdfunding-Kampagne finanziert wurden.

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Photo by Martin Eckardt

Als Unternehmensgründerin im Bereich Film, ist Susanne selbst eine Frau mit Vorbildcharakter. In unseren Interview gibt Susanne erfrischend ehrliche Einblicke in die Welt der Unternehmensgründung und spricht offen über die Höhen und Tiefen der ersten Gründungsjahre.

Susanne, was hat Dich motiviert pikofilm zu gründen?

Ich war in einer Festanstellung und obwohl ich sehr lange auf diesen Job gewartet hatte, habe ich relativ schnell festgestellt, dass es nichts für mich ist. Da ich nicht viel in Projektarbeit eingebunden war, wurde es mir schnell etwas zu langweilig und ich habe gemerkt, dass ich nicht nur ein kleines Rädchen in einem großen Apparat sein möchte. Ich habe einen Job gesucht, bei dem man projekt- oder produktbezogen arbeitet und feste Abschlüsse hat. Das heißt, wo am Ende ein Produkt entsteht und sich auch mal die Arbeit ändert, je nach Projekt. Dann bin ich erst einmal auf Weltreise gefahren, weil ich Abstand brauchte und Zeit zum Überlegen. Mit meinem damaligen Freund und Gründungspartner habe ich zusammen die Geschäftsidee entwickelt. Wir haben beide damals schon zu Studienzeiten Studentenfernsehen und Filme gemacht. Auf der Weltreise dachten wir dann, wir testen das mal aus und haben relativ viel gefilmt und kleine Videos gemacht. So haben wir das damalige Geschäftsmodell für pikofilm entwickelt, welches heute aber auch schon wieder ein anderes ist.

Wie schwierig war es dann, die Geschäftsidee tatsächlich zu realisieren und aus der Idee ein funktionierendes Business zu machen?

Das Gründen selber war nicht kompliziert. Im Prinzip muss man erst einmal nur ein paar Formulare ausfüllen und dann loslegen. Die erste Idee war es, Filme im Bereich Outdoorsport und Extremsport zumachen, weil das auch unser persönlicher Fokus war. Es gibt zwar große Produktionsfirmen, die mit sehr viel Aufwand sehr teuer Filme produzieren, aber wir waren der Meinung, dass kann man auch günstiger machen. Und auch mit weniger Impact auf die Natur, also möglichst naturschonend. Gerade die erste Phase einer Unternehmensgründung ist schwierig. Das Team muss passen und man muss gewillt sein, die Idee, wenn es nicht gleich sofort funktioniert, weiterzuentwickeln und möglicherweise auch nochmal alles umzuwerfen. In unserem Fall haben wir uns irgendwann dazu entschlossen, nicht mehr zusammen zu arbeiten, auch wenn wir uns noch gut verstanden haben. Mein Gründungspartner ist ausgestiegen und ich habe dann alleine weitergemacht. Schwierig war es auch, Kontakte zu Sportlern oder Firmen zu knüpfen. Gerade im Sportbereich wird sehr viel von Sponsoren bezahlt. Dann braucht man gute Kontakte zu den Agenturen und Firmen, die solche Filme finanzieren. Das war die größte Herausforderung.

Was waren deine Highlights, die dich motiviert haben weiter an deiner Idee dranzubleiben und nicht so schnell aufzugeben?

Was mich motiviert hat, war das gute Feedback zu einem Film, den ich alleine im Sportbereich gedreht habe. Ich war ganz auf mich alleine gestellt und musste das komplett allein wuppen. Letztendlich ist ein tolles Ergebnis dabei rausgekommen, das sowohl dem Sportler gut gefallen hat, als auch gute Klickzahlen hatte und dann tatsächlich sogar noch auf einem Film-Festival lief – ein tolles Ergebnis für einen Erstlingsfilm! Dann habe ich mich irgendwann umorientiert und mich mehr auf Menschen konzentriert. Ich hatte die Idee eine Portrait-Serie zu machen, weil mich am meisten die Menschen hinter den Geschichten interessieren. Das größte Erfolgserlebnis war, dass ich mit Hilfe einer erfolgreichen Crowdfunding Kampagne die erste Portraits dieser Serie umsetzen konnte. Außerdem habe ich über die Crowdfunding Kampagne auch meine aktuelle Geschäftspartnerin kennen gelernt!

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Wie bist Du mit Unsicherheiten, Zweifeln und Ängsten umgegangen?

Bei mir wurde es zwischendurch finanziell sehr eng, das war sehr anstrengend. Ich wusste, dass man insbesondere in der Anfangszeit zäh sein muss und einen langen Atem braucht. Zum Glück hatte ich auch ein gutes privates Netz, was mich beruhigt hat. Ich wäre sicher nicht auf der Straße gelandet. Also habe ich mir immer gesagt: Weiter machen! Den ich dachte mir, die Wahrscheinlichkeit, dass es besser wird, ist am größten! 🙂 Ich fande es auch schwierig Neukunden zu akquirieren und habe schnell gelernt, dass man Akquise am besten über sein Netzwerk macht, weil die meisten Leute ihre Jobs über Empfehlungen bekommen. Also habe ich verschiedene Angebote für Gründer wahrgenommen und viel genetzwerkt, gar nicht unbedingt im Bereich Film, sondern auch in anderen Bereichen und das hat gut funktioniert. Außerdem ist es glaube ich wichtig, dass man sich auch immer einen Plan B offen hält, zumindest die Möglichkeit, dass man vielleicht nicht ganz aufgibt und zum Beispiel teilzeit weiter macht.

Du hast schon angesprochen, dass Netzwerken ein ganz wichtiger Punkt ist. Was würdest du anderen Frauen noch empfehlen, die gründen wollen? Frauen, die vielleicht eine Idee haben, aber nicht genau wissen, wie sie sie umsetzten können?

Ich würde immer dazu raten, andern von der Idee zu erzählen. Auch auf die Gefahr hin, dass man anfängt Leute zu nerven. Man kann in Gesprächen und in kleinen Umfragen gut herausfinden, ob die Idee potenzial hat. Man sollte auch keine Angst haben, dass jemand die Idee klaut, die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. Die Gefahr, dass man seine Idee gar nicht erst umsetzt, weil man sie aus Angst nie zu Ende entwickelt oder niemanden anderes dafür begeistert, würde ich höher einschätzen. Und wenn jemand begeistert ist, kann man überlegen, ob diese Person vielleicht nicht sogar Lust hat mitzumachen. Außerdem hilft es auch, alles einmal komplett aufzuschreiben. So zäh so ein Businessplan auch ist, es hilft einem ungemein eventuelle Schwachstellen, die man noch nicht bedacht hatte, aufzudecken: Wer ist meine Zielgruppe? Wie stelle ich mir die Finanzierung in den nächsten Jahren vor? Wenn man da schon auf schwerwiegende Probleme stößt, merkt man rechtzeitig, dass die Idee einen Hacken hat. Jetzt, wo ich endlich eine Mitgeschäftspartnerin habe, merke ich auch, dass es viel einfacher ist, wenn man nicht alleine ist. Ein Team und passende Mitgründer zu finden, ist sicherlich nicht einfach und birgt auch Konfliktpotential. Aber vieles ist einfacher, wenn man nicht alleine ist. Insbesondere bzgl. Ängsten und Unsicherheiten, da kann man sich gegenseitig sehr gut stärken. Denn man kann ‘kackt’ selten gleichzeitig ab. 😉

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Was glaubst Du, warum es so wenige weibliche Gründerinnen in Deutschland gibt?

Ich habe eigentlich den Eindruck, dass es viele Gründerinnen gibt, die allerdings gar nicht als “GründerInnen” wahrgenommen werden. Beispielsweise viele Frauen, die sich nach einer Schwangerschaft oder Kindererziehungszeit mit einer kleinen oder Teilselbständigkeit finanzieren. Denn oft sind Familie und Kinder schwierig mit einem regulären Job zu vereinbaren. Ich glaube auch, dass Männer und Jungs vielmehr dazu erzogen werden, neue Dinge auszuprobieren und “es einfach mal zu machen”. Für mich ist es eine Frage der Erziehung und Sozialisierung. Männer werden viel mehr motiviert erfinderisch zu sein und einen Forscherdrang zu entwickeln, als dies bei Frauen der Fall ist. Dann ist auch nur logisch, dass viele Frauen in Bezug auf Unternehmensgründungen, aber auch Gehaltsverhandlungen etc. oftmals nicht so selbstbewusst auftreten wie ihre männlichen Kollegen. Außerdem glaube ich, dass Frauen sehr viel mehr auch auf Sicherheitsaspekte achten und nicht so schnell etwas probieren oder riskieren. Möglicherweise auch, weil sie tendenziell eher das Gefühl haben, dass sie mehr Verantwortung übernehmen müssen. Nicht nur für sich, sondern auch für ihre Kinder etc. Dann kommen fragen auf wie: “Wenn ich mich soweit nach vorne wage, wieweit falle ich, wenn es nicht klappt?”

Du hast in deiner Webserie “roleUP!” außergewöhnliche Frauen portraitiert – was war deine Intension?

Ich habe gemerkt, dass viele Frauen in ihrem Umfeld keine weiblichen Vorbilder haben, die frauenuntypische Berufe ausüben oder ungewöhnliche Projekte/Hobbies haben. Beispielweise ist mir durch mein Netzwerk aufgefallen, dass viele Frauen aus dem IT-Bereich erst sehr spät oder über Umwege gemerkt haben, dass sie sich für IT und Informatik begeistern, und dass sie sich in ihrer Jugend oftmals nicht getraut haben, in den technischen Bereich vorzudringen. Denn viele sind noch unbewusst mit den klassischen Rollenbildern aufgewachsen: IT ist nur was für Jungs und Frauen machen eher etwas im sozialen Bereich. Aber es gibt sie, die IT-Büglerinnen, Kamerafrauen, Feuerwehrfrauen, Dachdeckerinnen und auch Gründerinnen, nur sind sie oft nicht so sichtbar auf den ersten Blick. Diese weibliche Vorbilder möchte ich portraitieren. Wenn man keine dieser Frauen im direkten Umfeld hat, kommt man als junges Mädchen wahrscheinlich auch nicht auf die Idee, einen dieser Berufe ausüben zu wollen. Deswegen wollte ich Frauen mit verschiedensten Arbeitswegen und Berufen zeigen und anderen damit die Chance geben, diese Frauen wahrzunehmen, fernab vom begrenzten Umfeld.

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Photo by Martin Eckardt

Welche Skills und Qualifikationen sollte eine GründerIn mitbringen?

Man muss Lust auf’s “Erschaffen” haben, zäh sein und Ausdauer haben, um auch über Durststrecken hinweg motiviert zu bleiben. Und man muss anderen von seiner Idee begeistern und überzeugen können, Investoren, Geldgeber und Kunden. Dafür braucht man ein gewisses Charisma. Aber all das nützt einem natürlich nichts, wenn man keinerlei fachliche Expertise in dem Bereich hat, in dem man gründen will. Wenn man eine Filmproduktionsfirma auf die Beine stellt, sollte man natürlich schon einmal eine Kamera in der Hand gehabt haben. 😉 Man kann sich natürlich auch immer noch weiterbilden oder z.B. jemanden ins Team holen, der die nötigen Fähigkeiten hat, die einem selbst fehlen.

Was würdest Du Leuten raten, die beim Startup Weekend Women Hamburg teilnehmen?

Es gibt kein doofe Ideen! Und wenn man eine Idee hat, einfach mal anderen davon erzählen. Lieber auch eine Idee ausposaunen, die sich noch total unreif anfühlt. Denn dafür ist die Veranstaltung auch da: sich mit Leuten auszutauschen und an einer Schnapsidee zu arbeiten, um dann etwas total cooles daraus zu machen. Also: Ideen raushauen und mit anderen darüber reden!

Danke Susanne für das tolle Interview und viel Erfolg mit pikofilm!

Wer mehr über Susanne und pikofilm erfahren möchte, kann sich auf pikofilm.com, Facebook und dem Hamburg Startup Monitor Profil weiter informieren.

Du möchtest selber ein Start-up/Unternehmen gründen? Das Startup Weekend Women Hamburg möchte insbesondere Frauen dazu ermutigen, sich als Unternehmerinnen zu verwirklichen und bietet die ideale Plattform, um deine Träume zu verwirklichen, MitgründerInnen zu finden und Dich von porfessionellen Leuten beraten und coachen zu lassen! Weitere Infos findest Du auch auf Facebook!

Theresa Grotendorst